Es heißt oft, in unserer heutigen Zeit könne es keine Universalgelehrten mehr geben. Aber stimmt das wirklich?

In früheren Jahrhunderten gab es Menschen, die als Universalgelehrte galten, weil sie auf ganz unterschiedlichen Gebieten brillierten und mit ihren Idenn oft ihrer Zeit weit voraus waren. Man denke an einen Leonardo da Vinci (1452-1519), der weltberühmte Gemälde wie die Mona Lisa schuf und Baupläne für technische Geräte hinterließ, die wie Hubschrauber und U-Boot erst Jahrhunderte nach seinem Tod realisierbar wurden. Oder an den Philsophen und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), der einst von sich behauptete: "Mir kommen morgens manchmal so viele Gedanken während einer Stunde, die ich noch im Bett liege, dass ich den ganzen Vormittag und bisweilen den ganzen Tag und länger brauche, um sie klar zu Papier zu bringen.“ Oder Rudolf Virchow (1821-1902), der sich als Arzt und Anatom, Prähistoriker und Politiker einen Namen machte.

Heute mag sich niemand mehr als Universalgelehrter bezeichnen. Dabei ist es doch tatsächlich so: Die Infinitesimalrechnung, die Leibniz entwickelte, muss heute jeder Abiturient beherrschen. In jedem Zeichenkurs an der Volkshochschule wird vermittelt, Perspektiven wie da Vinci zu zeichnen. Jeder Abiturient verfügt heute über ein breiteres Wissen als die gefeierten Universalgelehrten. Was zu ihren Zeiten die Speerspitze des Wissens bildete, zählt heute zur Allgemeinbildung.

Wer sein Leben lang populärwissenschaftliche Zeitschriften und Bücher liest, kann sich einen beachtlichen Wissensfundus aneignen. Ein Autodidakt wie Willi Kafitz, der in der Oberhessischen Naturwissenschaftlichen Zeitschrift verschiedene Aufsätze über Zahlbegriffe veröffentlichte, weiß über die Grundlegung der Mathematik vermutlich mehr als die meisten Mathematik-Professoren. Und der Schweizer Gymnasiallehrer Philip Wehrli präsentiert auf seiner privaten Homepage fragen-raetsel-mysterien.ch mehr Erkenntnisse zu grundlegenden Fragen aus der Physik, Evolutionsbiologie, Ökonomie und Erkenntnistheorie als sich der breit interessierte Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) aus den Lehrbüchern seiner Zeit anlesen konnte. Doppelbegabungen sind heute nicht seltener als früher: Marco Wehr (geb. 1961) studierte Physik, promovierte in Philosophie und arbeitet als Tanzlehrer und Sachbuchautor. Nikolaus Rajewsky (geb. 1968) forscht und lehrt als Professor für Biologie und absolvierte neben seiner Promotion in Theoretischer Physik ein Klavierstudium.

Wer heute gut gebildet ist und über ein breites Allgemeinwissen verfügt, der weiß weit mehr als die Universalgelehrten von einst. Nur dass man damit heute nicht mehr berühmt wird - zum einen, weil eine gute Allgemeinbildung heute kein Privileg von wenigen mehr ist, und zum anderen, weil man nach zwölf Jahren Schule, fünf Jahren Studium und vier Jahren Promotion die Grenzlinie des Wissens nur in einem winzigen Frontabschnitt nach vorn zu verschieben vermag. Die Wissenschaft gleicht daher heute einer zerklüfteten Landschaft von fein verästelten Spezialgebieten, die niemand mehr zu überblicken vermag.

Früher scheint es wesentlich einfacher gewesen zu sein, einen Beitrag zum Fortschritt des Standes der Wissenschaft zu leisten, als das heute der Fall ist. Das liegt schlicht an der schieren Menge an Wissen, das wir als Menschheit angehäuft haben. Wir sitzen auf einem Berg an Wissen, den ein Einzelner nur unwesentlich vergrößern kann.

Andererseits entsteht Innovation häufig aus der Rekombination verschiedener Elemente. Je mehr Elemente vorhanden sind, desto mehr Möglichkeiten für Kombinationen gibt es. Und desto eher lassen sich Teile finden, die zueinander passen. Wenn man also unter heutigen Bedingungen wissenschaftlichen Fortschritt will, muss man den Brückenschlag zwischen verschiedenen Fachdisziplinen suchen. Wir brauchen also die modernen Universalgelehrten, die sich in mehreren Fachgebieten hinreichend gut auskennen, um das Verbindende zu entdecken.

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